Ein Praktikum in der Oper

Die Berliner Staatsoper führt mit Zangezi ein Musiktheater auf, das der katalanische Komponist Hèctor Parra aus der gleichnamigen Erzählung des russischen Avantgarde-Dichters Velimir Chlebnikow entwickelt hat. Einer unserer Schützlinge, Mubeen Baba, war als Praktikant an der Gestaltung des experimentellen Kammerspiels beteiligt.

Pflanzen in Glasvitrinen, Sterne, Planeten, das Firmament als elektronisches Bühnenbild, und dann eine undurchsichtige Polyphonie von Lauten. Nachtigallengesang, Glottisschläge, industrielles Hämmern, Glockengeläute. Und dann: ein Mädchen im Reifrock, das in klarer Sopranstimme ein Gedicht Chlebnikows über die Köpfe des Publikums hinwegsingt. Zangezi ist eine elektronische Synästhesie, eine Lautmalerei mit visuellen Reizen, nach dem Werk eines Dichters, der von einer mystischen, universellen Sprache jenseits des Verstehens träumte.

Einer im Publikum ist Mubeen. Vor wenigen Stunden hat er noch beim Bühnenaufbau geholfen, hat etwas Neues über Technik und Licht gelernt. Jetzt ist Feierabend, also sitzt er in der weiß verkachelten Werkstatt im Schillertheater und hört zu. Dieses Mal findet er Ruhe, um zuzuhören. Mubeen ist letzten Sommer über die Alpen nach Deutschland gekommen, siebzehn Jahre alt, mit einem Schmuggler, der verschwand sobald sie die Grenze erreichten. Mubeen war im Wald gestanden, mehr als 6000 Kilometer entfernt von Parachinar, der Heimat in Pakistan, den Eltern und den zwei kleinen Schwestern.  Es war Juli und Nacht und bestimmt rauschten die Blätter im Wind, als er einfach geradeaus lief, und bestimmt sangen die Vögel, als der Morgen anbrach, aber das hört man nicht, wenn man auf der Flucht ist und nicht weiß, was einem hinter dem Wald erwartet.

Bilder Staatsoper

© Stini Röhrs

Chlebnikow und andere russische Futuristen glaubten an den technischen Fortschritt. Die Bühne mit den Videoinstallationen wäre vermutlich nach ihrem Geschmack gewesen. Gerade erklimmen Schauspieler im Astronautenkostüm einen Berg aus Kuben. Sie sprechen in eine Kamera, Bild und Ton wird für das Publikum auf Monitore übertragen.  Echte Aufnahmen vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt laufen im Hintergrund.

Mubeen kann nicht mit seiner Familie skypen. Die Leitungen in seiner Heimatstadt wurden zerstört, Internet gibt es dort nicht mehr. Früher war er Student auf einem College für Informatik, dann musste er abbrechen. Bomben und moderne Waffen – technischen Fortschritt gibt es auch im Krieg.

Die russischen Futuristen waren Pazifisten. Chlebnikow glaubten an eine bessere Zukunft, die er mit der Kraft der Kunst und mit Hilfe der Wissenschaft erreichen wollte. So versuchte Chlebnikow in seinem unvollendeten Projekt, „Die Tafeln des Schicksals“, das Verhältnis zwischen Zahlen und Kriegen zu berechnen, versuchte eine Weltformel abzuleiten, mit dem Ziel, die Zukunft vorherzusagen.

Mubeen weiß nicht, was die Zukunft bringen wird. Für ihn gibt es keine Weltformel, nur Etappen. Den Deutschkurs gut abschließen. Irgendwann wieder Informatik studieren. Die kleinen Schwestern nachholen, wenn es geht. „Wenn, dann ist meine Zukunft hier, in Berlin“, sagt Mubeen. Er mag die Stadt, die Freiheit, die sie atmet, ihre Möglichkeiten: Das Praktikum in der Oper, beispielsweise. „Ich wusste bis ich nach Berlin kam gar nicht, was eine Oper ist“, sagt er. „Ich habe das Wort noch nie gehört.“ Die Kraft der Kunst verliert sich im Krieg. Für Mubeen endete der Frieden, als er elf war. Er war mit Freunden Cricket spielen, als ihn seine Mutter ins Haus holte. Mubeen wollte ihr nicht glauben, hielt die Explosionen für Feuerwerke. Später wurde der Terror Alltag. Seine Stadt liegt an der Grenze zu Afghanistan, die Taliban und andere Extremistengruppen kontrollieren die Straßen und massakrieren die mehrheitlich schiitische Bevölkerung, die auf Seiten der Armee gegen den Terror kämpft. Mubeen erzählt von Bomben auf dem Marktplatz, vom Schulmassaker in Peshawar, von Entführungen. Erzählt von den Stunden, in denen die Familie im Haus sitzt und sich nicht auf die Straße traut. Erzählt aber auch schöne Dinge, von dem Zauber der Landschaft, „white Mountains“, nennt er das Gebirge, das sich zwischen Pakistan und Afghanistan erstreckt und auf dem er vor dem Krieg wandern war. Erzählt von den Menschen, die ihm halfen auf seiner Flucht und dann hier in Berlin. Menschen, die ihn bei sich aufnahmen, als er kein Dach über dem Kopf hatte und im Park schlafen musste. Menschen, die ihm halfen, sich in Berlin zurechtzufinden, ein normales Leben zu führen. Mubeen lebt heute mit drei Freunden in einer WG, kocht gerne und freut sich auf den Sommer, weil jeder ihm erzählt, wie schön Berlin im Sommer ist.

Die Kosmonauten auf der Weltraum-Bühne entdecken einen neuen Planeten. Sie schicken Videobotschaften an die Erde, philosophieren. „Die Zukunft ist schön, und reduziert und mit ganz wenig Dekor“, sagt einer unter seiner Gesichtsschutzkapsel.

Für Mubeen sind viele der Worte noch fremd, die auf der Bühne gesprochen werden. Aber er sieht gebannt nach vorne, auf das Geschehen. Ein junger Mann aus Pakistan, der den Krieg erlebt hat und alles hinter sich gelassen hat, um neu anzufangen. Der dann, mehr als 6000 Kilometer entfernt von seiner Heimat, ein Praktikum in einer Oper macht. Der den russischen Futurismus in deutscher Sprache auf der Bühne sieht. Wenn man Mubeens Leben betrachtet, könnte man den Eindruck gewinnen, dass sich die Geschichte nicht auf der Bühne abspielt. Sondern davor.

Bilder: © Stini Röhrs

"Meine Wahrheit der syrischen Flüchtlingssituation in der Türkei."
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