Tatort Berlin. Aber mit Strahlkraft.

Wenn wir hier so still sind, dann haben wir die Hände aus den Taschen genommen und packen es an. Ein kleiner Rückblick auf die letzten Wochen.

Zur offiziellen “Queen of LaGeSo” wurde hausintern Tanya Neufeldt gekürt, die es mit charmanter Hartnäckigkeit geschafft hat, den Rekord im ‚Reinkommen’ aufzustellen. In nur zwei Stunden bekamen dank ihr drei Flüchtlinge Geld und Kostenübernahmen. Und das bei einer Behörde, die ihren Kunden auch schon mal empfiehlt, sich die Akte in einem vollgestopften Archiv selber zu suchen.

Ach ja, das LaGeSo, das Landesamt für Gesellschaft und Soziales, von Christiane Beckmann (Hilfsorganisation Moabit Hilft) nur noch als “Ort der Schande” betitelt. Wachmänner, die Nazi-Parolen absondern, Security Mitarbeiter, die darüber lachen, wenn um 4.30 Uhr morgens Geflüchtete, darunter Mütter mit Kindern, losstürmen, um wenigsten den Hauch einer Chance zu haben ganz vorne in der Schlange bei Registrierung zu stehen. Knochenbrüche gehören bei dem Ansturm beinahe zum Alltag. Es ist übrigens die gleiche Schlange, die seit Monaten aus vier- bis fünfhundert Menschen besteht. Die Schlange, in der Menschen gerne mal zweiundsechzig (!) Tage anstehen, um das wenige Geld, das ihnen zusteht, zu erhalten. Die Schlange, die VOR der Behörde warten darf. Der pure Luxus besteht mittlerweile aus zwei Zelten, in denen ebenfalls gewartet werden „darf“.

Einer unserer neuen Freunde hat „nur“ fünf Tage gewartet und es mit unserer Begleitung dann doch geschafft, etwas über 95 € zu bekommen. Mit der netten amtlichen Aufforderung doch in drei Wochen wieder zu kommen für die nächste Auszahlung. Was haben wir uns gefreut! Das vergünstigte Monatsticket in Berlin kostet übrigens 36 € – ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Wir haben uns das lange genug angeschaut und selber mitgemacht. Darum sind wir am 24. November mit 32 Geflüchteten zum Sozialgericht in Berlin getrabt (Hier kann man immerhin in kuscheligen, beheizten Korridoren warten …) Warum? Die Eilanträge vom Sozialgericht, als richterlicher Beschluss an das LaGeSo angewiesen, sollen/sollten/könnten zu einer schnelleren Einzelfallbearbeitung führen, da hier ganz klar gegen das Recht auf Grundversorgung verstoßen wird. Bei unseren Einzelfällen waren Männer, die seit über einer Woche mit 40 Cent in der Tasche durch Berlin marschieren. Familien mit Kindern, die es nur mit Hilfe der Freiwilligen schaffen, ein Dach über dem Kopf zu haben. Geflüchtete, die aus Notunterkünften fliegen, weil sie keine Kostenübernahme von LaGeSo haben. Nein, wir sind nicht in irgendeiner Bananenrepublik, wir befinden uns in Berlin, der Stadt mit dem tollen neuen Flughafen, der ein Schnäppchen war. Der Stadt mit der Oper, die gerade das Dreifache der veranschlagten Kosten verschlingt, um irgendwann fertig renoviert zu werden. Übrigens: Gerüchteweise geben Bewohnern den Schlaglöchern vor ihren Türen mittlerweile Namen … Aber das nur am Rande, um das Gesamtbild ein bisschen aufzupeppen.

Wir werden jetzt in regelmäßigen Abständen mit neuen Opfern der LaGeSo-Unfähigkeit zum Sozialgericht pilgern. Beim letzten Mal hat Mike Mühlberger gefilmt und wir hoffen, es wird daraus ein Beitrag auf der Deutschen Welle. In der nächsten Runde machen wir mehr Presserummel. Versprochen. Über die anderen Hilfsorganisationen wie zum Beispiel ‚Moabit hilft’ haben wir Aufrufe zur Sozialgerichts-Pilgertour verbreitet. Mit dem entsprechenden weihnachtlichen Motto: Kommet zuhauf!

So, und jetzt aber zu den guten Neuigkeiten: 

Für Helfer am Rande des Nervenzusammenbruchs haben wir das Angebot “Helfern helfen” auf die Beine gestellt. Vier Therapeuten und Coaches betreuen Gruppen mit maximal fünf freiwilligen Helfern. Es kann Dampf abgelassen werden, es findet ein Austausch unter Gleichgesinnten statt und und es werden Supervisionen erstellt. (Mehr Infos auf der Facebook-Seite von ‚Be an Angel’)

Und dann: Joana Bremer, Tanya Neufeldt und Andreas Tölke haben bei dem Spendenevent ‚Action speaks’ von Anita und Ole Tillmans vorgetanzt. Fünf Initiativen durften sich vorstellen, eine eben ‚Be an Angel’. Das launige Geplapper der Engel ist fünf Mal von Szenenapplaus unterbrochen worden. Herr Tölke lag anschließend mit Tränchen in den Augen dem Verleger Florian Langenscheidt in den Armen, der sich bereit erklärte zu helfen, wo ein Langenscheidt eben so helfen kann. Darüber hinaus haben wir drei mietfreie Wohnungen für Flüchtlingsfamilien an dem Abend “abgezockt”, rund achttausend Euro sind auf das Konto von ‚Be an Angel’ geflossen. Drum auch hier: uns können Sie mieten! Und wir haben für jedes Event das passende Outfit!

Nur beim Get-together des ‚Diplomacy Lab’ im Club des Außenministeriums war Andreas Tölke deutlich “underdressed”. Hat aber trotzdem den Staatssekretär Stephan Steinlein gestalkt und ins Koma gequatscht. Danach gab es einen informellen Lunch mit der Macherin des ‚Diplomacy Lab’ Senta Höfer. Unsere Intention: Nett-werken für’s Netzwerken bringt was. Mittlerweile ereilen uns über solche Kontakte Hilferufe vom UNHCR (Hohe Kommissar der Vereinten Nationen für Menschenrechte), der sich in Griechenland engagiert. Wir sind dabei uns in die Rechtslage für Visa aus humanitären Gründen reinzufuchsen. Wenn es gut läuft und die Drähte glühen, fliegen wir demnächst Härtefälle (Hä? Welcher Flüchtling ist das eigentlich nicht?) aus Athen ein …

Ganz nebenbei haben wir zwei Wohnungen bezogen, voll möbliert und finanziert. Komplett organisiert von Sarah M Syed, die ganz nebenbei alles urdisch wegübersetzt. Auch ein paar Kopfnüsse … „Unsere” Habibis (die heißen wirklich so!) leben jetzt zu Fünft in einer Drei-Zimmer-Wohnung. Natürlich am Prenzlauer Berg, denn nur wenn die Nasen mitten unter uns leben, klappt’s auch mit den Nachbarn. Im gleichen Haus hat unsere “Boy-Band” ihr Domizil bezogen, auf zwei Zimmern vier Jungs. Beengtes Wohnen? Naja, wenn die Alternative 2.500 Menschen in einer Halle sind, ist das der Jackpot.

Es gab noch mehr. Es gab noch Divenalarm von entzückenden Iranern mit ADSL, Wintershopping bei Primark (die Hölle!!), der erste Kinobesuch im Leben von vier Pakistanis, die erste Homo-Verlobung auf der Housewarming Party der Boy-Band… Das wirft Fragen auf? Naja – wenn das mit den Papieren nicht klappt, wird halt alles weggeheiratet was nicht bei Fünf auf den Bäumen ist (Kleiner Scherz). Und auf sexuelle Identitäten können wir da wirklich keine Rücksicht nehmen (Immer noch ein Scherz). Der Nebeneffekt: Auf der Party mit rund vierzig Gästen sind die Jungs mal eben ganz locker an Gleichstellung “Made in Germany” rangeführt worden. Und waren längst nicht so irritiert, wie mancher sich das denkt. Wir übrigens auch. Irritationen, die sich lohnen. Und weiter geht die wilde Fahrt. Knicks, Verbeugung, Vorhang auf zum nächsten Akt.

Be an Angel schreibt an Senator Czaja
Leben Auf Augenhöhe - H.O.M.E.

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